Inhaber

Das Weiche regiert über das Harte

Vom Kellner zum Chef im Hamburger Hafen

Porträt von Jürgen Vogt, Soester-Anzeiger
im Rahmen der Akademie für Publizistik

Hubert Neubacher ist im Allerheiligsten angekommen

Hubert Neubacher hat eine Schraube locker. Eine Riesenschraube. Deshalb braucht er Hilfe. Professionelle Hilfe. Und so stehen sich zwei Männer in der Abenddämmerung draußen auf dem Trockendock des Hamburger Hafens gegenüber. Ein Blick auf die Bärte der Männer reicht, um ihre Welt zu verstehen. Neubachers zeigt klare Kante, ist kurz, gepflegt, angepasst und endet exakt an der Kinnspitze. Der von Walter ist grau und wächst ungeordnet weit nach unten. Hinter den Bärten treten die Männer hervor: hier Neubacher, in Jeans, mit quergestreiftem Pullover, großem Silberring, dicker blauer Jacke, aus deren Kaputze das Fell herausblickt. Der wendige Vierziger steht jetzt ganz sicher, die Beine schulterbreit auseinander. Er spricht, erklärt mit Händen und Armen, lacht. Da Walter, der ältere, erfahrene Seebär: schmal, in Jeans, rote Jacke. Er hört zu, blickt Neubacher offen an. Überall liegen Bolen herum, stehen Eisenträger, erinnern alte Backsteinmauern an die Hafentradition. Es riecht nach altem Öl  - und nach Arbeit. Das Terrain ist Walters. Walter arbeitet für eine Schiffswerft. Neubacher weist den Älteren ein, stellt kurze, knappe Fragen, näselt leicht beim Sprechen, lenkt die Aufmerksamkeit auf die Schiffs-Schraube. Walter nickt nur. Neubacher dreht sich, springt leichtfüßig vor Walter her, der dem Jungen willig folgt. Der Mann mit der schützenden Fellkaputze ist wegen seiner „Feinen Deern" hierher rausgefahren, eine seiner Barkassen. Die muss auf den neuesten Sicherheits-Stand gebracht werden, bekommt ein Facelift und bei der Gelegenheit eine überholte Schraube. Hubert Neubacher weiß ganz genau, wie das läuft: Er hat die Hafenwelt längst erobert.

Auf dem Rückweg schaukelt er umgeben von drei Journalisten in einer seiner Barkassen zurück - und redet ohne Unterbrechung. Überhaupt ist es das nicht enden wollende Reden, was ihn ausmacht. Neubacher bleibt über Stunden wendig und aufmerksam. So aufmerksam, dass er sogar ausführlich erklärt, warum er soviel reden muss: beim geplanten Portrait gehe es ja nun mal um ihn.

Hubert Neubacher ist einer, der es geschafft hat. Auf ihn passt die Vom-Kellner-zum-Millionär-Geschichte genauso gut wie die des kleinen, feinen Hubi aus Österreich, der in das Allerheiligste einer Weltmetropole vordringt. Denn „Barkassen-Meyer" ist das Allerheiligste. Den Betrieb gibt es seit über 90 Jahren am Hafen. Der Hafen ohne Barkassen-Meyer, das ist so unvorstellbar wie Hamburg ohne Hafen. Dass nun ausgerechnet ein weicher Typ wie Neubacher den Chef in der groben Männerwelt der Hafen-Barkassen markiert, das ist so, als ob einem Seebären wie Walter die Geschäftsführung für ein Mädchenpensionat angetragen würde. Bis Ende 2012 arbeitet Hubert Neubacher als Geschäftsführer an der Landungsbrücke 6, zum 1. Januar 2013 ist er alleiniger Inhaber. Er trägt Verantwortung für ca. 30 Mitarbeiter, neun Barkassen und eine lange Tradition. Sein Weg bis hierher mutet so skurril an, dass sich Neubacher selber fragt, wie er eigentlich dazu gekommen ist. Dann erzählt er von seiner Kindheit. Vom Vater, der auf der Seilbahn arbeitet, der Mutter, die die drei Kinder großzieht. Von sich, dem Ältesten, der schon früh raus will aus der kleinen Welt in der österreichischen Steiermark. Raus aus Ennsling, dem Zehn-Häuser-Flecken. Nach der Hauptschule und einem Jahr Handelsschule lernt er im Gastronomie-Fachkurs „Jugend am Werk“ sowie im „Hotel Gasthof Post“ in Lech den Beruf des Kellners. Hubert ist ein guter Kellner. „Kellner", sagt er, „das ist in Österreich ein hoch angesehener Beruf. Das kann nicht jeder." Es sind die Kellner-Tugenden, die Huberts Karriere fortan begleiten: das Zu-Diensten-Sein beim Gast, das leichte Unterhalten, das spielerische Sich-Einlassen auf jede Situation, das beständig gute Arbeiten, manchmal auch das Zurückhaltende. Aus dem Kellner Hubert wird der Bar-Chef Hubert, der Einkaufsleiter Hubert Neubacher und dann - vor 18 Jahren - Hubert Neubacher von Barkassen-Meyer. Erst jetzt, ausgerechnet in der Männer-Welt des Hafens, blüht „der kleine Ösi in Hamburg" richtig auf. Aus der rechten Hand der Chefin wird schnell eine unentbehrliche Hilfe. Neubacher ist erreichbar. Immer. Am Telefon meldet er sich mit „Neubacher, Barkassen-Meyer", manchmal auch andersrum. Mit dem Engagement wächst die Verantwortung. Neubacher macht das Hafenpatent, darf die Barkassen steuern. Mit 30 wird er Geschäftsführer. Aus dem Kellner Hubi ist „Barkassen-Meyer, Neubacher" geworden. Die Identifikation Neubachers mit dem Traditions-Unternehmen geht so weit, dass beide irgendwie verschmelzen. Neubacher knüpft Kontakte, lässt sich bei Kunst und Kultur blicken, engagiert sich in sozialen Projekten. „Vernetzen" ist sein Lieblingswort. „Du musst die Mechanismen begreifen, dann kommt auch was zurück." Neubacher hat begriffen. Dezent muss es zugehen. Immer da sein, sich nie aufdrängen. Er erzählt von alten Hamburger Familien, deren Türen plötzlichen offen stehen. Neubacher erzählt fast beiläufig davon, dass er im Februar 2013 zum Präsidenten des Hamburger Skål-Clubs gewählt wird. Als er hinzufügt, dass der mit 140 Mitgliedern der größte und älteste seiner Art in Deutschland ist, mischt sich dann doch eine Spur von Stolz in die Stimme.

Apropos Stimme: Wer im Internet die Adresse www.Hamburg-Tourismus.de anklickt, darf Neubacher direkt ansprechen – als einen von fünf Experten. Die immer engere Bindung zu Hamburg bleibt nicht ohne Resonanz. Immer mehr Hotelbesitzer etwa setzen jetzt auf ihn, auf Barkassen-Meyer. Um im Fahrwasser zu bleiben, setzt der Chef auf Innovation, bietet neben den etablierten Hafenrundfahrten PopArt-Vernissagen an, Krimi-Lesungen oder philharmonische Konzerte. Hubert Neubacher lebt jede Minute seines Lebens von Hamburg und für Hamburg. Wer sich so einbringt, macht sich abhängig von der Stadt. Wenn Hubert aus Österreich Sätze sagt wie „Ich lebe, glaube ich, mehr für Hamburg als manche, die hier geboren sind", dann wird der Wunsch offenbar, noch mehr dazuzugehören. Längst kommen alle Sätze ganz ohne Akzent, den hat er der neuen Heimat geopfert. Hier in Hamburg fühlt sich Neubacher geborgen. Es geht freier zu - und gleichzeitig dezenter. Neubacher kann endlich Neubacher sein. Irgendwie ist er aber auch versöhnt mit der alten Heimat. Die fragte jüngst an, ob er nicht Werbung machen könne auf seinen Barkassen für die Ski-WM nächstes Jahr in Österreich. Hubert zögert nicht, startet eine Plakataktion, schaffte es damit in die Lokalzeitung seiner Heimatregion. Das macht ihn stolz. „Die haben doch gemerkt, dass aus dem kleinen Hubert was geworden ist", sagt er. Fast so viel wie aus seinem Bart, der zwar passt zum Hafen, aber nicht aussieht wie ein echter Hamburger Vollbart.

Autor: Jürgen Vogt, Soester-Anzeiger

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